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Malteser Gütersloh

"Brückenbau zwischen unterschiedlichen Realitäten"

Fachtag zur Lebensqualität für demenziell veränderte Menschen

25.11.2016
Referenten und Teilnehmer der Podiumsdiskussion beim Fachtag Demenz (v.l.): Hans-Dieter Kunze, Angehöriger Tagestreff MalTa Hamm, Prof. Dr. Dr. Gronemeyer, Universität Gießen, Dr. Ursula Sottong, Fachstellenleitung Demenz, Malteser Köln, Tobias Berghoff, Caritasvorstand Hamm, Renate Pichler, Tagesgast im MalTa Hamm, Frau Langohr, Altenpflegeschülerin im Berufsförderungswerk Hamm, Heike Leihmann, Angehörige Tagestreff MalTa Hamm, Christian Ley, Leiter Altenpflegeschule im Berufsförderungswerk Hamm.
Sie haben Fachtag organisiert und fachlich begleitet, unter anderem mit Workshops (v.l.): Kirsten Purwin, Leitung Malteser Tagestreff MalTa Hamm, Kerstin Fischer, Silviahemmet Trainerin, Eva Cremer, Mitarbeiterin im Malteser Tagestreff MalTa Hamm, Dr. Ursula Sottong, Fachstellenleiterin Demenz, Malteser Köln, Mario Schneeberg, Leiter Malteser Tagestreff Bottrop, Ilona Schäfer, Referentin Soziales Ehrenamt, Malteser Diözesangeschäftsstelle Paderborn, Matthias Krieg, Fachstelle Verbandliche Koordination, Caritasverband für das Erzbistum Paderborn e.V. Fotos: Malteser/Kaiser.

Hamm. 80 Fachleute und Interessierte informierten sich beim Fachtag im Berufsförderungswerk in Hamm und im Malteser Tagestreff MalTa, einer Einrichtung für frühdemenziell Erkrankte im Nordenwall 5 in Hamm. Thema war die Lebensqualität für demenziell veränderte Menschen. Die Veranstaltung bildet einen Beitrag der Malteser zur Initiative "7 gegen Einsamkeit", die die sieben caritativen Fachverbände im Erzbistum Paderborn gemeinsam verantworten. Unter den Zuhörern waren auch angehende Altenpfleger der Altenpflegeschule des Berufsförderungswerks.

Dr. Ursula Sottong, Ärztin und Fachstellenleiterin Demenz bei den Maltesern in Köln, hielt einen Fachvortrag zur palliativen Pflegephilosophie von „Silviahemmet“. Sie hob hervor, dass der an Demenz erkrankte Mensch oftmals auf das reduziert werde, was er nicht mehr zu leisten imstande ist. Gemäß Silviahemmet gehe es bei demenziellen Erkrankungen jedoch um die Person und das, was sie noch kann. Die Referentin führte aus, dass im Rahmen des palliativen Ansatzes von Silviahemmet nichtmedikamentöser Behandlung der Vorzug gegeben werde. Dazu brauche es, so Dr. Sottong, eine Abwendung von Routinen. Beispielsweise sollten demenziell Erkrankte keine Tulpen zu Weihnachten erhalten, die sie dem Frühling zuordnen. Vielmehr müsse eine Hinwendung zum Erkrankten erfolgen, ein Verstehen, wenn er sich nicht mehr verbal äußern kann. Im Fokus stehe, Betroffene zu behandeln und Angehörige und alle Nahestehenden zu unterstützen und zu begleiten, da Demenz zwar nicht heilbar, aber zu behandeln sei.

Möglichst selbstbestimmtes Leben

Ziel von Silviahemmet sei es, als Dienstleister für die Entlastung der Angehörigen zu sorgen, den Erkrankten ein möglichst selbstbestimmtes Leben ermöglichen und die Beziehungen unter allen Beteiligten zu verbessern. Die Umgebung des Erkrankten und die ihn Umsorgenden sollten so aufbereitet werden, dass sich der Erkrankte gut und möglichst selbstständig zurechtfindet. Die Therapie ziele auf Symptomlinderungen und darauf, das Fortschreiten der Krankheit zu verzögern. Fähigkeiten sollten solange wie möglich erhalten und das individuelle Wohlgefühl verbessert werden. Dazu bedürfe es, betonte Dr. Sottong, einer zielgruppenorientierten Qualifizierung des Umfelds und einer ressourcenerhaltenden Versorgung der Erkrankten.

Zivilgesellschaftliches Engagement ist gefragt

Der anschließende Fachvortrag von Prof. Dr. Dr. Reimer Gronemeyer, Theologe und Soziologe an der Universität Gießen, befasste sich mit dem gesellschaftlichen Umgang mit Demenz. „Demenz stellt uns Fragen, auf die wir – in einer Antwortgesellschaft lebend – keine Antworten haben.“ Fähigkeiten älterer Menschen würden in der Gesellschaft oftmals nicht mehr gebraucht. Die Gesellschaft signalisiere: Du kostet nur noch und schaffst Jobs zu deiner Versorgung. Zudem nehmen Vereinzelung und Vereinsamung zu: Von den über 80-jährigen leben 60 Prozent alleine – das gab es bisher in keiner Gesellschaft. „Demenz kann zum Alter gehören und dann kommen wir ins Nachdenken. Dann wird die Soziale Frage entscheidend: Wir müssen sie aushalten und uns auf sie einlassen. Das zivilgesellschaftliche Engagement ist gefragt, da es nie genug fachliche Betreuung für die Betroffenen geben wird, und Dienstleister und Angehörige an ihre Grenzen kommen werden“, so Prof. Gronemeyer.

Sein aktuelles Forschungsprojekt „Demenz in Familien mit Migrationshintergrund“ zeige: „Da, wo ein traditionelles Familienmodul existiert und gedacht wird, denken die Menschen alt, aber nicht dement/krank und ihre Versorgung durch die Angehörigen ist selbstverständlicher.“ Überlastung trete da auf, wo Demenz diagnostiziert und als Krankheit betitelt wird. Und dann scheint der naheliegende Ausweg eine Vollautomatisierung der Pflege. Aktuell werde die Ausstattung von Pflegerobotern mit Rechten einer digitalen Person diskutiert.

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion tauschten sich Fachleute und persönlich Betroffene über die Betreuung demenziell Erkrankter sowie über die Entlastungsangebote und die daraus resultierende Lebensqualität aus – sowohl für Betroffene als auch für deren Angehörige. Renate Pichler, Tagesgast im MalTa Tagestreff Hamm, sprach über ihren Weg zu den Maltesern. Sie schilderte eindrücklich, dass sie zunächst Vorbehalte gegenüber dem Angebot hatte, sich jedoch mittlerweile sehr wohl im Tagestreff fühle. Denn sie könne dort sein wie sie ist, mit all ihren verbleibenden Ressourcen. Tobias Berghoff, Caritasvorstand Hamm, sprach sich für die Einführung von Gemeindeschwestern aus. Dabei handelt es um Mitarbeiterinnen innerhalb der Gemeinde, die sich kurzfristig ambulant um die Versorgung von Menschen kümmern, deren Angehörige zum Beispiel plötzlich erkranken. Einig waren sich die Podiumsteilnehmer darin, dass Angebote für frühdemenziell Erkrankte einen wichtigen Brückenschluss im Gesamtkonzept der Betreuung darstellen.

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